Bürger und Staat in sozialer Verantwortung – Liberale Familien- und Gesellschaftspolitik (Berliner Freiheit 2004)

Aus Programmatik FDP Berlin
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Wir Liberale wollen eine Gesellschaft selbstverantwortlicher Bürger in Berlin. Berlin muss Chancen für Selbstverantwortung und privates Engagement schaffen. Die gesellschaftliche und soziale Struktur einer Bürgergesellschaft wird getragen von bürgerschaftlichem Engagement. Staatliche Daseinsvorsorge muss und wird sich auf die Grundbedürfnisse konzentrieren.

Berlin braucht eine Politik, die die Verantwortung der Generationen füreinander stärkt. Die Entwicklung der Kinder zu eigenverantwortlichem und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten steht dabei im Mittelpunkt. Vor allem für Kinder aus sozialen Brennpunkten sowie mit Migrationshintergrund sind die Einschulung mit fünf Jahren und der Besuch der vorschulischen Bildungseinrichtungen – wie der Startklasse – unverzichtbar. Der Zugang zu vorschulischen Einrichtungen muss kostenfrei möglich sein.

Dem Ausbau von Ganztagsschulen, Kitas und Krippen sowie der Tagesbetreuung muss Priorität eingeräumt werden. Wir Liberale wollen, dass alle Kitaplätze von Freien Trägern angeboten werden. Jugendämter sollen sich ausschließlich mit Aufgaben der Planung, der Steuerung und des Controllings der Jugendhilfe befassen. Mit der Kita-Card stellen wir von der Objekt- auf die Subjektförderung um und führen ein Instrument des Wettbewerbs um wohnortnahe kreative vorschulische Erziehung ein. Krippen, Horte und Kitas brauchen mehr Autonomie: Personalhoheit, Budgetrecht sowie das Recht, eigene pädagogische Konzepte umzusetzen.

Unser Ziel: Ein Berlin selbstverantwortlicher Bürger

Wir Liberale wollen eine Gesellschaft selbstverantwortlicher Bürger in Berlin. Selbstbewusste, verantwortlich handelnde liberale Bürger gestalten mehr miteinander als staatsorientierte Volksparteien wahrhaben wollen – und häufig sind die Ergebnisse bürgernäher und dem Bedarf angemessener. Dies ist ein zentraler Wert der liberalen Bürgergesellschaft. Berlin muss Chancen für Selbstverantwortung und privates Engagement schaffen. Die Bürger sollen diese Chancen nutzen und sich damit dauerhaft vom Staat unabhängig machen, damit sie für sich selbst einstehen, ihre Verantwortung in und für die Gesellschaft wahrnehmen können. Damit die nachfolgenden Generationen die gleichen Lebenschancen haben, ist angesichts der Begrenztheit der Ressourcen die Überprüfung aller dem Staat übertragenen Aufgaben nötig.

Die Lage

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem tief greifenden Umbruch. Weil die durchschnittliche Lebenserwartung alle drei Jahre um etwa drei Monate zunimmt, gibt es so viele erfahrene Alte wie noch nie. Und nie wurden in Deutschland so wenige Kinder geboren. Ab dem Jahr 2010 verschiebt sich das Verhältnis zwischen Jung und Alt rapide zu Lasten der Jungen. Diese Gesellschaft leistet sich die Zerstörung ihrer eigenen Zukunft.

Berlin ist dabei keine Ausnahme. Die Bevölkerung hat sich im vergangenen Jahrzehnt stark verändert. Etwa ein Drittel der derzeitigen Bewohner ist erst in den letzten Jahren zugezogen, viele junge Berufstätige, viele Singles. Damit hat sich Berlin in seiner Bevölkerungsstruktur der anderer deutscher Großstädte angenähert. In diesem Umbruch muss sich die Qualität der Bürgergesellschaft in Berlin in der praktizierten gegenseitigen Verantwortung der Generationen füreinander ausdrücken.

In Berlin war im Jahr 2000 etwa ein Drittel der Menschen ehrenamtlich tätig, allerdings nur wenige im sozialen Bereich. Das spiegelt die weit verbreitete Auffassung wider, für das Soziale sei der Staat zuständig. Die Zukunft muss anders aussehen: aktive, funktionierende Nachbarschaften und freiwillige Arbeit in den unterschiedlichsten Bereichen. Dies wirkt nicht nur der Einsamkeit entgegen, sondern fördert auch Verständnis füreinander. Die Lösung von Problemen durch Eigeninitiative schafft Befriedigung.

Neue Wege, neue Chancen für Berlin

Mit Bürgerengagement zur Bürgergesellschaft

Die gesellschaftliche und soziale Struktur einer Bürgergesellschaft wird getragen von bürgerschaftlichem Engagement. Staatliche Daseinsvorsorge muss und wird sich auf die Grundbedürfnisse konzentrieren, die sozialen Sicherungssysteme werden die Notwendigkeiten einer durch eine starke Individualisierung geprägten Gesellschaft mit vielen alten Menschen nicht decken können.

Deshalb wird die liberale Bürgergesellschaft die vorhandenen Qualifikationen von Jungen und Älteren für ehrenamtliches Engagement und freiwillige Arbeit mobilisieren. Anreize werden gesetzt durch gesellschaftliche Anerkennung und Auszeichnungen, durch Bevorzugung bei der Arbeitssuche und in der Ausbildung – der Phantasie dürfen keine Grenzen gesetzt sein. Notwendig ist der Ersatz der Kosten. Gefordert ist allerdings auch die Wirtschaft durch Sponsoring von Projekten und Initiativen, durch Förderung ihrer Mitarbeiter, die freiwillige Arbeit leisten. Vorhandene und neue Freiwilligenagenturen müssen ebenso wie Netzwerke auf Bezirks- und Landesebene unterstützt werden. Wichtig ist vor allem, Räume unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, aber auch Kommunikationswege z.B. durch Stadtteilzeitungen zu schaffen. Entscheidend für die neue Bürgergesellschaft in Berlin ist aber vor allem die Haltung der Menschen: Selbstverantwortung und Mitverantwortung – die neue Liberalität unserer Stadt.

Jung und Alt – der Generationendialog

Berlin braucht eine Politik, die die Verantwortung der Generationen füreinander stärkt. Die Jungen werden viele Versprechungen einlösen müssen, die die Älteren sich selbst gegeben haben. Die Älteren tragen Verantwortung, dass Junge sich der gemeinschaftlichen Zukunft stellen können und auch tatsächlich stellen. Deshalb sind die Lebensbedingungen von Jungen und Alten, von Familien und allen anderen Formen von Verantwortungsgemeinschaften für die Bürgergesellschaft in Berlin von entscheidender Bedeutung.

Zur Selbstbestimmung erziehen

In keiner Stadt Deutschlands gibt es mehr Kinder, die in Familien mit nur einem Elternteil leben. Immer mehr dieser Kinder leben in Armut. Ein Leben in Selbstbestimmung wird nicht erlernt, wenn die ständige Abhängigkeit von Transfers des Staates die entscheidenden Lebensphasen prägt. Die soziale und sprachliche Kompetenz muss durch liebevolle Förderung in der Familie und beim Spielen und Lernen mit anderen Kindern erworben werden, sodass jedes Kind, gleich ob deutsch oder nicht-deutsch und gleich aus welchen sozialen Verhältnissen, bei der Einschulung sich altersgemäß ausdrücken, einordnen und durchsetzen kann. Der Neugestaltung der pädagogischen Konzepte von Krippen, Kindertagesstätten, Tagesbetreuung und Startklasse widmen wir besondere Aufmerksamkeit. Die Entwicklung der Kinder zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten steht dabei im Mittelpunkt – mit der Fähigkeit zum sozialen Lernen, der Entwicklung von Kommunikationsfähigkeit, der Förderung musischer Fähigkeiten, dem Sammeln naturwissenschaftlicher Erfahrungen, Bewegungsübungen und Gesundheitsförderung.

Vor allem für Kinder aus sozialen Brennpunkten sowie für Kinder von Migranten, die mit einer anderen Muttersprache und möglicherweise anderen kulturellen Vorgaben aufwachsen, sind die Einschulung mit fünf Jahren und der Besuch der vorschulischen Bildungseinrichtungen, der Startklasse, unverzichtbar. Im Rahmen der regelmäßigen frühkindlichen Untersuchungen sollen auch standardisierte Sprachtests durchgeführt werden. Kinder, die – unabhängig vom sozialen Hintergrund – die vorgegebene Sprachkompetenz nicht aufweisen, werden in einzurichtenden Startklassen auf die Schule vorbereitet. Bessere schulische Bildungserfolge sind nur zu erreichen, wenn bereits am Start alle mitmachen können.

Kinderbetreuung bedarfsgerecht gestalten

Das Angebot an Plätzen in Kindertagesstätten ist rechnerisch in Berlin zwar ausreichend, aber von einem außergewöhnlich dichten Netz an Bürokratie beherrscht. Die Versorgung mit Betreuungsangeboten ist zwischen den Bezirken sehr unterschiedlich, was an der unterschiedlichen Praxis der Bewilligung und der Ausstattung mit Betreuungspersonal und Einrichtungen liegt. Das muss sich ändern.

Wir wollen den Staat möglichst aus der Kita heraushalten, alle Plätze sollen von Freien Trägern angeboten werden. Zum Abbau von Bürokratie gehört neben der Einführung eines einheitlichen Planungs-, Bewilligungs- und Finanzierungssystems für Kitas auch die Umgestaltung der Jugendämter, die sich in Zukunft ausschließlich mit Aufgaben der Planung, Steuerung und des Controllings der Jugendhilfe befassen sollen.

Mit der Kita-Card führen wir ein Instrument des Wettbewerbs um wohnortnahe, kreative vorschulische Erziehung ein. Eltern müssen weiterhin die Möglichkeit haben, eigene Einrichtungen zu gründen und zu betreiben, die zwar der Aufsicht des Landes unterstehen, aber nicht von unsinnigen Bauvorschriften, Bürokratie und Gängelung stranguliert werden. Dazu ist das Kindergartengesetz von Grund auf neu zu gestalten. Die bisher im Eigentum der Bezirke befindlichen Krippen, Horte und Kitas brauchen mehr Autonomie: Personalhoheit, Budgetrecht sowie das Recht, eigene pädagogische Konzepte umzusetzen. Sie sollen durch Ausschreibung und Übertragung an Freie Träger die Vielfalt des Angebots erhöhen. Die Zusammenarbeit mit Sportvereinen, Musikschulen etc. muss gegeben sein.

Vorschulische Einrichtungen sind Teil des Bildungsangebots einer liberalen Bürgergesellschaft, deshalb muss der Zugang dazu kostenfrei möglich sein. Bei der mit der Einführung der Kita-Card einhergehenden Umstellung von der Objekt- auf die Subjektförderung sollte die Erstattung nicht nur nach tatsächlich betreuter Kinderzahl, sondern auch nach Anwesenheit und Aufwand bemessen werden.

Dieser Ansatz trägt dazu bei, dass Jugendhilfe zunehmend vorhandene Ressourcen im Sozialraum für Kinder, Jugendliche und ihre Familien nutzbar macht. Dabei ist die Vernetzung der Jugendhilfe mit Angeboten anderer Institutionen und Einrichtungen im Sozial- und Gesundheitsbereich, in Bildungs-, Kultur- und Nachbarschaftsarbeit anzustreben. Beispielsweise kann so eine frühzeitige Aufklärung über den Umgang mit Geld in Zusammenarbeit mit Schuldnerberatung und Verbraucherzentrale bereits in der Schule oder in Jugendfreizeiteinrichtungen erfolgen. Potenzielle Einsparmöglichkeiten spielen in diesem Zusammenhang eine eher untergeordnete Rolle. Primäres Ziel ist es, angemessen auf Bedarfslagen der Menschen in den verschiedenen Sozialräumen unserer Stadt zu reagieren.

Viele leistungsfähige ältere Menschen möchten ihre Lebenserfahrung gern an die junge Generation weitergeben und dabei außerdem die Elterngeneration zeitlich entlasten. Dazu sollten von Freiwilligenagenturen „Großelterndienste“ zur Kinderbetreuung, Schulaufgabenhilfe und Freizeitgestaltung organisiert und angeboten werden.

Alt werden in Würde

Mit dem älter Werden nimmt für viele Menschen der Bedarf an Unterstützung wieder zu. Gerade in Berlin mit seiner ausgeprägten Single-Gesellschaft wird das Angebot an Alten-, Pflege- und Hospizeinrichtungen kontinuierlich überprüft werden müssen, um dem Bedarf zu entsprechen. Die Würde des alten und des sterbenden Menschen zu wahren, ist eine vornehme Pflicht einer liberalen Bürgergesellschaft. Alte Menschen gehören mitten in die Gesellschaft, ihre Eigenständigkeit sollte so lange wie möglich gewahrt bleiben. Die mobilen sozialen Hilfsdienste sind bereits jetzt in ausreichendem Umfang vorhanden. Die kontinuierliche Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität der Pflegeausbildung und Pflegeausübung ist zu gewährleisten. Bei immer kürzeren Liegezeiten im Krankenhaus besteht eine zunehmende Lücke an Kurzzeitpflegeeinrichtungen, Tages- oder Nachtpflege und an Hospizen. Ihr bedarfsgerechter Ausbau ist erforderlich.

Mehr-Generationen-Häuser sollen in der kommunalen Bereichsentwicklungsplanung angemessen berücksichtigt werden. Wohnen und Arbeiten werden in der Dienstleistungsgesellschaft häufig räumlich stärker miteinander verzahnt. Das verändert das Zusammenleben der Generationen und gibt mehr Chancen für generationenübergreifendes Wohnen. Die Großfamilie früherer Jahrhunderte ist nicht wiederholbar, aber der freiwillige Zusammenschluss von Familien mit mehreren Generationen ist eine Bereicherung und eine Grundlage für selbstverantwortlich gestaltete Hilfe und Nachbarschaft. Deshalb müssen die rechtlichen, sachlichen und baulichen Voraussetzungen für unterschiedliche Wohnformen in Ein- und Mehrgenerationenhäusern verbessert werden. Jeder soll seinen ganz privaten Generationenvertrag schließen können: mit den eigenen Eltern und Kindern, mit Freunden und Gleichgesinnten. Individuelle Lösungen als Ergänzung zu Alten- und Altenpflegeheimen – das wird dem Bedürfnis nach Eigenständigkeit bis ins hohe Alter gerecht und stärkt den Dialog der Generationen.

Toleranz und Wahlfreiheit – der Kern der Bürgergesellschaft

Eine Metropole wie Berlin wird geprägt durch die Vielfalt im Zusammenleben von Erwachsenen mit Kindern, Ausländern und Deutschen, Jung und Alt, Behinderten und Nicht-Behinderten sowie Angehörigen unterschiedlicher Religionen. Die Vielfalt der Lebensformen ist eine Bereicherung unserer Gesellschaft. Damit in dieser vielfältigen Gesellschaft jeder Verantwortung nach seinen eigenen Kräften übernehmen kann, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Toleranz und Wahlfreiheit. Obwohl in den letzten zwei Jahrzehnten große Fortschritte im liberalen Sinne gemacht worden sind, wie sich z.B. an der Akzeptanz vom Zusammenleben homosexueller Partner zeigt, bleibt noch viel zu tun. Toleranz kann nicht verordnet, sie muss erlernt werden. Sie ist dort möglich, wo unterschiedliche Lebensformen praktiziert werden, der Staat sich nicht in persönliche Entscheidungen einmischt und die Daseinsvorsorge der Stadt Wahlfreiheit erlaubt.

Kindgerechte Ganztagsbetreuung schafft Wahlfreiheit

In einer alternden Gesellschaft ist es die Aufgabe der Stadt, Rahmenbedingungen für ein Leben mit Kindern zu verbessern. Ein Vergleich mit anderen europäischen Ländern zeigt: wo ausreichend Angebote an Ganztagsbetreuung für Kinder aller Lebensalter vorhanden sind, entscheiden sich Paare häufiger für ein Leben mit Kindern als in Deutschland. Auch Frauen wollen nicht zwischen Kindern und Karriere entscheiden. Die Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit entspricht dem Lebensgefühl der heutigen jungen Generation.

Die Finanzkrise Berlins darf nicht zum Abbau der gut ausgebauten Ganztagsbetreuung, vor allem bei der Tagesbetreuung führen. Hier werden die Bildungschancen der Kinder genauso wie die Lebenschancen vor allem der Alleinerziehenden vertan. Aber auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Angehörige aus Schichtdienstberufen und anderen Berufen mit flexiblen Zeitanforderungen erfordern neue Formen der Ganztagsbetreuung. In dieser Situation müssen die Prioritäten der staatlichen Daseinsvorsorge neu definiert werden. Dem Ausbau von Ganztagsschulen, Kitas und Krippen sowie der Tagesbetreuung muss Priorität eingeräumt werden. Kinder brauchen mehr Zeit, mehr Zuwendung, mehr kindgerechte Bildung, Betreuung und Erziehung.

Abbau von Barrieren schafft Wahlfreiheit

Ein besonders großes Umdenken hat in den letzten Jahren begonnen, um Wahlfreiheit auch für Menschen mit Behinderungen sicherzustellen. Zu oft allerdings werden kleine und große Möglichkeiten, die Leistungsfähigkeit von Behinderten zu unterstützen, durch Gedankenlosigkeit vertan. Für eine liberale Bürgergesellschaft ist dies eine unerträgliche Feststellung. Deshalb müssen die Möglichkeiten der Behindertenbeauftragten in den Bezirken, durch die Anwendung relativ einfacher Maßnahmen – wie z.B. für Sehbehinderte eine kontrastreiche Gestaltung des öffentlichen Raumes – die Chancen auf Selbstständigkeit zu erhöhen, ausgebaut werden.

Sprachkompetenz schafft Wahlfreiheit

Mit den Wanderungsbewegungen aus wirtschaftlichen und politischen Gründen haben viele Menschen fremder Sprache und fremden Glaubens den Weg in die Metropolen gefunden. Frauen leiden häufig mehr als Männer, weil sie auch die Sprache des täglichen Lebens nicht beherrschen. Darunter leiden aber auch die Kinder, vor allem die Mädchen, die zwischen zwei Kulturen aufwachsen und die Wahlfreiheit, die ihnen eine demokratische Gesellschaft gewährt, nicht ausüben können. Wichtig ist, kulturelle Begrenzungen durch gezielte Integrationsbemühungen und vor allem Sprachunterricht für alle Zuwanderer zu durchbrechen. Gefordert ist auch die ehrenamtlich arbeitende Bürgergesellschaft, selbstverständlich unter Einschluss der Migranten, um gerade den Frauen die Angebote nahe zu bringen und das Einverständnis der Familie zur Teilnahme von Frauen zu erreichen.

Die soziale Struktur der Bürgergesellschaft – für eine Kultur der Selbstverantwortung

Metropolen ziehen immer auch Menschen mit großen persönlichen und sozialen Problemen an. Armut, Trebegängerei, Drogenkonsum – Menschen unter diesen Lebensbedingungen können nicht mehr selbstverantwortlich leben, sind dauerhaft auf Hilfe anderer angewiesen, von dieser Hilfe abhängig.

Ein besonders wichtiges Ziel einer liberalen Bürgergesellschaft ist die Entwicklung einer Kultur der Selbstverantwortung. Nur dann kann auch der Wunsch wachsen, dazu zu gehören, das Leben selbstverantwortlich zu gestalten. Eine auf diese Werte ausgerichtete Erziehung kann Kindern aus einer Familie mit generationenlanger Gewöhnung an Sozialhilfeabhängigkeit helfen, zu einer anderen Ausrichtung ihres Lebens zu kommen.

Es ist aber auch ein unverzichtbarer Bestandteil einer liberalen Bürgergesellschaft, die soziale Infrastruktur so auszurichten, dass Menschen aufgefangen werden und ihnen der Weg zur Selbstverantwortung erleichtert wird. Dies betrifft Drogenabhängige genauso wie Menschen, die vorübergehend oder dauerhaft nicht sesshaft sind, aber auch Jugendliche, die nicht auf die Anwendung von Gewalt verzichten können oder wollen.

Selbstbestimmung gegen Fremdbestimmung durch Drogen

Der Umgang mit gesellschaftlich legalisierten Drogen wie Alkohol und Nikotin wird in immer früherem Lebensalter „gelernt“. Die Gefährdung durch legale und illegale Drogen abhängig oder süchtig zu werden, ist in Gesellschaften, die durch massive Probleme am Arbeitsmarkt genauso wie durch einen hohen Grad an Vereinsamung gekennzeichnet sind, deutlich gesteigert.

Auch moderne Gesellschaften werden nie drogenfrei sein. Notwendig ist aber ein ausreichendes Angebot an stationären und ambulanten Angeboten, vor allem im nicht-staatlichen Bereich, um die Chancen, sich von der Abhängigkeit zu lösen, zu verbessern.

Vereine und Initiativen, die sich im bürgerschaftlichen Engagement daran gemacht haben, Hilfe und Unterstützung beim Rückweg in die Selbstständigkeit zu bieten, verdienen Unterstützung durch das Angebot von kostenfreien Treffpunkten und Sachkostenzuschüsse für ihre Arbeit.

Illegale Drogen spielen im Leben Heranwachsender eine immer größere Rolle. Großereignisse wie die „Love-Parade“ sind genauso verführerisch und ein idealer Treffpunkt für Verkäufer wie Discos und Schulen. Jeder exzessive Drogenkonsum lässt die Kräfte der Selbstverantwortung verkümmern und stellt damit eine massive Gefährdung der liberalen Bürgergesellschaft dar. Deshalb muss das Konzept der jugendnahen Drogenarbeit verstärkt werden. Neben einem ausreichenden Angebot an Langzeittherapieplätzen und effektiver Straßensozialarbeit sind durchgängig erreichbare Drogenkonsumräume eine wichtige Hilfe für Betroffene. Die kontrollierte Abgabe von Betäubungsmitteln an Schwerstabhängige ist zu erproben, um sie von den Zwängen und Gesundheitsgefahren von Beschaffungskriminalität, Drogenhandel und Prostitution zu befreien. Alternative Freizeitmöglichkeiten wie drogenfreie Discos in der Verantwortung der Drogenberatungsstellen, die auch weiterhin staatsfern organisiert werden müssen, und Sportangebote sind wichtige Instrumente, die viel ehrenamtliches Engagement erfordern.

Selbstwertgefühl und Werteorientierung gegen Gewalt

Gewalt gerade unter Jugendlichen ist ein gravierendes Problem. Die Bedrohung von Gleichaltrigen, alten und behinderten Menschen oder Mobbing stellen eine Gefahr für die liberale Bürgergesellschaft dar.

Neben repressiven Maßnahmen – von der vollen Anwendung bestehender Rechtsvorschriften bis zur Unterbringung in Heimen – müssen verstärkt präventive Konzepte entwickelt und angewendet und die Erziehungskraft der Familien gestärkt werden. Schulen müssen durch Fachkräfte bei der Bewältigung dieses Problems unterstützt werden. Präventive Konzepte nehmen Jugendliche Ernst, geben ihnen das Gefühl, angenommen zu sein. Erfahrungen aus anderen Großstädten zeigen, dass auch die Polizei durch gezielte Freizeitangebote eine Entspannung der Situation bewirken kann. Dies muss aber ergänzt werden durch die Unterstützung von Familien bei ihrer Erziehungsaufgabe.

Rechtsextreme und Fundamentalisten aller Religionen missbrauchen Freiheit und Toleranz für ihren Terror. Ein werteorientierter Dialog der Kulturen, unterstützt und begleitet von einer klaren Durchsetzung unserer liberalen Rechtsordnung und der Nicht-Tolerierung von Intoleranz ist eine besondere Aufgabe einer liberalen Bürgergesellschaft. Wir werden nicht zulassen, dass Freiheit und Toleranz missbraucht werden für Gewalt und Terror.

Ein tragfähiges soziales Netz

Eine liberale Bürgergesellschaft hält die Entscheidung von Menschen aus, sich den Übereinkünften der großen Mehrheit über Lebens- und Wohnformen zu entziehen. Wer sich aber, obwohl er in der Lage wäre, für sich selbst zu sorgen, bewusst außerhalb der Gesellschaft stellt, kann auch keinen Anspruch auf regelmäßige Unterstützung an diese Gesellschaft stellen.

Daneben gibt es gerade in Metropolen eine große Zahl von Menschen, die den Zugang zur Gesellschaft nicht schaffen, obwohl sie zumindest zeitweise dazu gehören möchten. Häufiger Ausgangspunkt ist die Unfähigkeit, mit Geld umzugehen. Der Verlust der Wohnung sowie der Kontrolle über die Lebensumstände sind die nächsten Schritte in dieser Abwärts-Spirale. Deshalb muss das ambulante Angebot der Nicht-Sesshaftenhilfe ausgebaut und unterstützt werden. Ideenreichtum und unendliches Engagement haben heute in Berlin bereits ein gutes Netz geschaffen, um ein Basisnetz an Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung sicherzustellen.

Die Qualität einer Bürgergesellschaft bemisst sich auch daran, wie weit eine im wesentlichen von freiwilligem Engagement getragene Struktur aufgebaut und unterhalten werden kann, damit diese häufig extrem misstrauischen Menschen Zugang zu Bedingungen bekommen, die ihrer individuellen Menschenwürde entsprechen.